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Neusser Sommernachtslauf - Jenseits von Afrika
Wenn hierzulande ein gut dotierter Stadtlauf gestartet wird, so kann man
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der
Sieger aus Afrika kommt. Zu überlegen sind die Athleten aus Kenia und
Äthiopien gegenüber ihren Konkurrenten aus Europa.
Ganz anders aber das Bild beim diesjährigen Neusser Sommernachtslauf.
Hellhäutige Läufer und Läuferinnen bestimmten hier das Geschehen
an der Spitze der Elitefelder. Was aber nicht daran lag, dass diese nun auf
einmal in neue Leistungsregionen vorgestoßen wären, es lag schlicht
und einfach daran, dass man den Afrikanern den Stuhl vor die Tür gestellt
hatte und sie für unerwünscht erklärt hatte. "Es ist für
die Zuschauer einfach attraktiver, wenn wir verstärkt auf Deutsche und
andere Europäer setzen", begründete der in Neuss für die
Athletenverpflichtung verantwortliche Tobias Kofferschläger sein Vorgehen.
Und um zu verhindern, dass einige nicht vom Veranstalter eingeladene Kenianer
als Nachmelder im Feld auftauchten, wurden die Siegprämien zu Gunsten
von höheren Antrittsgeldern deutlich reduziert. |
| So setzte sich das Feld vornehmlich aus Läufern zusammen,
die bei einem in Neuss ansässigen japanischen Sportartikelhersteller
unter Vertrag stehen und zu deren vertraglichen Pflichten auch ein Start
bei der Heimveranstaltung gehört. Wären da nicht die wenigen anderen
Läufer in anderen Farben gewesen, so hätte man das Rennen glatt
für eine Modenschau der Japaner halten können. Immerhin war das
Tempo an der Spitze nicht langsamer als in früheren Jahren, was aber
weniger an der Leistungsfähigkeit der Läufer als an der auf fünf
Kilometer halbierten Streckenlänge gelegen haben dürfte.
War das Rennen nun durch den Verzicht auf die Afrikaner für die Zuschauer
wirklich attraktiver als in den letzten Jahren? Nun, erst einmal gab es durch
die Verkürzung der Renndistanz nur noch die Hälfte der Aktion zu
sehen. Spannend war es immerhin, aber auch ein Kreisliga-Fußballspiel
kann spannend sein, wenn gleichwertige Gegner aufeinander treffen. Fraglich
ist, ob der nicht fachinteressierte Zuschauer mit den Namen der meisten
Teilnehmer auf der Strecke wirklich etwas anfangen konnte. Als Ironie des
Schicksals kann man es bezeichnen, dass bei den Männern mit dem aus
Eritrea stammenden Embaye Hedrit doch ein Läufer mit afrikanischen Wurzeln
auf der obersten Stufe des Siegertreppchens stand.
Sehenswert war auf jeden Fall der Auftritt von Dieter Baumann. Obwohl der
mittlerweile 43-jährige Olympiasieger von 1992 schon vor einigen Jahren
seine leistungssportliche Karriere beendet hat und sich heute nur noch als
Hobbyläufer bezeichnet, kämpfte er bis zum Schluss um den Sieg
mit und war im Ziel zeitgleich mit Falk Cierpinski und vor Martin Beckmann,
die beide in diesem Frühjahr noch Ambitionen auf eine Olympiateilnahme
im Marathon hatten.
Randnotiz: Die Veranstalter kooperierten in diesem Jahr mit der
Äthiopienhilfe von Karl-Heinz Böhm und sammelten dafür Geld
unter den Zuschauern. Auf den ersten Blick eine löbliche Aktion, aber
man sollte sich doch fragen, wie konsequent es ist, Almosen nach Afrika zu
schicken, während man den Afrikanern, die sich als Läufer das Geld
für den Weg aus der Armut in ihrem Heimatland erarbeiten wollen, ihre
Einkunftsquelle nimmt. |